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© richter + schwartzkopff    2011

Lichtträger 1978
Fotodokument aus dem Kraichgau
Weißer Sonntag

"Man muss sich erinnern, um nicht zu vergessen"
(Marguerite Duras)

Ein Sonntag im April. Kühl und regnerisch. In einem Dorf im Kraichgau wird eine Woche nach Ostern ein Fest gefeiert. Es ist ein Dorf wie viele andere in dieser sanft gewellten Hügellandschaft im Südwesten Deutschlands. Mit einer Kirche in der Dorfmitte, einem Rathaus, einem Schulhaus, einem Pfarrer, einem Bürgermeister und vielen Kindern, für die dieser Tag ein besonderer Tag ist. Der einjährige Unterricht durch strenge Katecheten ist vorüber. Heute ist Empfang der Heiligen Kommunion. Die Mädchen tragen Weiß und ein Kränzlein im Haar. Die Jungs schwarzen Anzug mit Fliege. Und alle tragen eine Kerze: Lichtträger - keine Frage. +
Nahezu jede Familie hat einen Erstkommunikanten. Schon Tage vorher wurden Kuchen gebacken, die Wohnung auf Hochglanz gebracht, die `gute Stubb´ für die zahlreiche Verwandtschaft ausgeräumt - zum `Bildermachen´ ein Fotograf bestellt. Denn das gehört nun mal zu jedem Fest: Bilder zum Erinnern.

Später beim Betrachten der Porträts stellt der Fotograf beinahe erstaunt fest, dass nur wenige direkt in die Kamera blicken. Ihr Blick war, während sich das Zeitfenster öffnete und wieder schloss, in die Ferne gerichtet: `Winzige Bruchteile, ein kaum wahrnehmbares Klicken, hat ihnen die Seele geraubt´. Doch dort, in diesem unsichtbaren Raum, da, wo das Kameraauge die ruhelose Seele einfing, steht die Zeit still.