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Lucy, Alan, Alice & CO – Agenten im Netz

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte Sie jetzt mitnehmen auf einen Spaziergang in die Welt von Lucy, Alan, Alice & Co – Agenten im Netz (eine Video-Sound-Installation im Kunstverein Neustadt). In dieser Welt machen Sie Bekanntschaft mit Poesie und Schönheit, Gehirnen und virtuellen Realitäten, Erinnerungen und Projektionen, Schwarmverhalten und Netzwerken.
Folgen Sie mir bitte in den Scanner-Raum mit seiner Matrix. Erwarten Sie keine Roboter und künstliche Intelligenzen: Sie selbst sind heute die Agenten im Netzwerk ihrer eigenen Sinneswahrnehmungen – die kollektive Intelligenz, die diesen Abend prägen wird. In diesem Raum können Sie sich zu Gruppen, sogenannten "Clustern" formieren, sich im "DU" des anderen erkennen, einzeln oder als Schwarm auf Entdeckungsreise gehen – oder später auch auf Futtersuche. Es gibt keine Vorschriften, keine feste räumliche Position, keine Gruppenhierarchie – denn all das fehlt beim Schwarmverhalten. Und wie beim Schwarm werden sich die chaotischen Einzelbewegungen im statistischen Mittel schon ausgleichen.

Längst greifen Computerprogramme auf diese Prinzipien der Selbstorganisation zurück.

Wenn wir heute Abend von Agenten reden, dann sind in erster Linie nicht 007 oder Emma Peel gemeint (obwohl Sie in dieser spielerischen Installation auch diese Rollen übernehmen dürfen), sondern die virtuellen Agenten: die Software-Programme einschließlich des Cloud-Computing, die autonom über vorgegebene Ziele entscheiden, auf Netzsituationen reagieren und Informationen austauschen. Ein Beispiel dafür sind die virtuellen Investor-Agenten, die sogenannten Quants: Nach bestimmten Regeln und Informationen aus der Börse schlagen sie den An- oder Verkauf von Wertpapieren vor oder entscheiden sogar selbstständig. Und das nicht immer weise, wie wir anhand der weltweiten Finanzkrise erkennen konnten. Ein anderes Beispiel für virtuelle Agenten: Amazon erstellt bekanntlich Nutzerprofile von Viellesern und schlägt dann selbstständig entsprechende neue Angebote vor. Lustigerweise schlägt es mir regelmäßig Werke zum Kauf vor, die ich selbst redigiert oder übersetzt habe – es klappt noch nicht so ganz mit der Vernetzung unterschiedlicher Info-Quellen. Aber keine Sorge: Google-Chef Eric Schmidt sieht eine wunderbare Zukunft für uns alle voraus, sobald all unsere Spuren im Netz miteinander verlinkt sind. Zitat:

"In der Zukunft werden wir nichts mehr vergessen, weil Computer sich für uns erinnern. Wir werden nicht mehr verloren gehen, weil unser Smartphone weiß, wo wir sind. Unser Auto sollte eigentlich selbst fahren können, denn immerhin weiß es, wo es ist und wo es hin muss."

Schon jetzt kann man uns in den verschiedensten Kategorien erfassen. Vielleicht erinnern Sie sich an einen der letzten SPIEGEL-Artikel über die heutigen Studenten, in dem die Jungakademiker etwa in die Gruppen der bodenständigen Langweiler, der umtriebigen Karrieristen und der romantischen Weltverbesserer eingeteilt wurden. – Adé humanistisches Menschenbild der Moderne, in dem wir alle noch als Solitäre gehandelt wurden.

Aber dies ist keine didaktische Veranstaltung. Elvira Richter und Michael Schwartzkopff zeigen in ihrer eigenen künstlerisch-ästhetischen Sprache Dinge auf, die Sie, liebe Gäste, - ob Sie wollen oder nicht und ob Sie´s wissen oder nicht – visuell und emotional verarbeiten werden, denn Ihr Gehirn kann gar nicht anders. Das werden Sie bemerken, sobald wir den nächsten Raum betreten.

Was sehen Sie hier? Einen Magnolienbaum in all seiner Pracht. Welche Assoziationen haben Sie bei den wechselnden Bildern? Vermutlich Schönheit, sinnliche Erotik, Sehnsucht, Vergänglichkeit, Zeit – vielleicht auch Erinnerungen an die Welt ihrer Kindheit. So wie ich, denn wir hatten so einen wunderbaren Baum im Garten. Und eine weiße Bank davor. Sie sehen also eigentlich nicht das reale Bild, sondern ein Abbild eigener Projektionen. Das Raster eigener Erfahrungen legt sich über die unmittelbare Begegnung. Ihr Gehirn arbeitet jetzt auf Hochtouren. Zum Einen sind die Neuronengruppen in der Inselrinde aktiviert, denn sie haben eine Schlüsselposition bei der Empfindung von Schönheit, wie wir heute wissen. Hier sind die sogenannten "objektiven" Schönheitskriterien gespeichert, denken Sie an den "Goldenen Schnitt" in der Kunst.

Zum Anderen haben Sie auch ein subjektives Schönheitsempfinden, das mit eigenen emotionalen Erfahrungen und Erinnerungen zusammenhängt, deshalb ist jetzt zugleich ein anderes Gehirnareal aktiviert, der sogenannte Mandelkern. Fast immer sind Erinnerungen multimedial: Sie enthalten bildhafte Elemente, Szenen, die wie ein Film ablaufen, Geräusche und Klangfarben, Gerüche und Gefühle. Vermutlich wird die Gehirnregion im Mandelkern darüber entscheiden, wie lange sie vor dem Magnolienbaum verweilen und wie oft sie in diesen Raum zurückkehren. Bitte folgen Sie mir jetzt in den dritten Raum.

Was Sie hier sehen, ist das kleine Organ, das gedanklich so Großes zu erfassen versucht wie unser ganzes Universum. Sie erleben hier eine topographische Reise durch das Gehirn. Und während Sie diese Reise tun, reagiert Ihr Hirn wiederum mit eigenen chemischen Reaktionen und Projektionen. Möglicherweise mit Abscheu oder Abwehr, vielleicht überwiegt aber auch die Neugier. In Ihrem Gehirn wirkt dabei das zusammen, was der Informatiker und Philosoph Marvin Minsky als "Society of the Mind" bezeichnet hat: ein kognitives System, in dem eine große Anzahl einfacher Prozesse – er bezeichnet sie als "Agenten" – miteinander interagieren. All das zusammengenommen bewirkt Ihre Reaktion auf diese Schnitte durchs Gehirn.

Das Gehirn mit seinem INNEN – den chemischen und neurologischen Reaktionen – und seinem AUSSEN – dem Inhalt des Gedachten – ist schon ein faszinierendes Ding. Heute wissen wir zwar, in welchen Hirnregionen die Meditation, die Vertiefung ins Gebet oder auch religiöse Verzückung angesiedelt sind und können die chemischen Reaktionen dabei messen, aber all das sagt nichts über den Inhalt, etwa Gottesvorstellungen, aus. Mit einem Beweis für oder gegen die Existenz Gottes hat all das nichts zu tun. Folgen Sie mir jetzt bitte in den vierten Raum, den sogenannten "Ruheraum". Das ist der Endpunkt unserer Reise als Agenten im Netzwerk unserer eigenen Wahrnehmungen.


Zur Erinnerung:


Im ersten Raum sind Sie durch die sogenannte "Cloud" und die Matrix zu Agenten geworden, die heute Abend ihr eigenes Programm abspulen. Im zweiten Raum haben Sie Schönheit erlebt – den "Magnolientraum". Im dritten Raum haben Sie das Organ gesehen, das Eindrücke von Schönheit verarbeitet – unser Gehirn. Und im vierten Raum, diesem hier, werden Sie Schönheit HÖREN, weil Ihr Gehirn Sprachbilder erzeugen wird, sobald Sie sich auf das Hör-Spiel ALICE von Elvira Richter konzentrieren.
Sie werden visuell wahrnehmen, obwohl Ihre Netzhaut dabei nicht im Spiel ist. Sie können sich dabei im Worldwide Web auf die Suche nach "IT" begeben – auf Spuren der Erinnerung an menschliches Wissen, an die Schönheit der Poesie – beispielsweise die Poesie von Baudelaire und Ezra Pound – und an die Erotik von Sinneswahrnehmungen. Das Kunstwesen PAPILLON in diesem Hör-Spiel, auf das Klauen und Klonen von menschlichen Erinnerungen aus, ist "verliebt in die versunkenen Bilder". "Ich erinnere mich, deshalb bin ich", heißt es im Hör-Spiel ALICE.

Auch der Titel dieser Video-Installation "Lucy, Alan, Alice & Co" ist Anspielung und Erinnerung:


An Lucy, die vermutlich vor 3,2 Millionen Jahren gelebt hat und als Skelettfund eines Australopithecus afarensis in die Menschheits- und Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist. An Alan Turing, der von 1912 bis 1954 in Großbritannien gelebt hat und richtungsweisende Grundlagen für die Computerentwicklung und Informatik schuf. An Alice, die nicht nur als literarische Figur ins Wunderland spaziert ist, sondern heute auch als Akronym für "Artificial Intelligence Computer Entity" durchs Netz geistert und Namensgeberin für Elvira Richters Hör-Spiel ist. Jedenfalls hat die Agenten-Gemeinschaft meines Gehirns das so assoziiert. Vielleicht fallen Ihnen bei den Namen Lucy, Alan und Alice ja ganz andere Dinge ein – hoffentlich angenehme.

 



Sie sind die Agenten dieses Abends.

Und jetzt ist es Zeit für Sie auszuschwärmen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.